Besuch auf der TOA18: Zur unternehmerischen Selbstverwertung

Von Phillip - 04. Jul 18, 13:33 - #kapitalismus #politik #digital #feminismus #gentrifizierung


Vor ein paar Tagen waren wir auf dem Tech Open Air 2018 (TOA18) unterwegs, welches sich selber als Startup Festival, das Technik, Musik, Kunst und Wissenschaft verbindet, beschreibt[1]. Die Ticketpreise, welche von etwa 500€ bis 1000€ reichen (oder 100€ für Studierende), sollten schon klar machen wer hier die Zielgruppe ist. Wie wir dort gratis reingekommen sind, ist für diesen Artikel unerheblich.
Schon beim Reinkommen fällt mensch die unechte Festival Atmosphäre auf, welche sich nur als extrem aufgesetzt beschreiben lässt. Die Menschen tragen den Look der typischen Fhain-Hipster, aus Foodtrucks wird überteuertes veganes Essen verkauft und eine Sängerin* gibt Popsongs von einem zu einer Bühne umfunktionierten Oldtimer-Bus zum Besten. Am Ufer sitzen Kleingruppen trinkend und lachend zusammen.
Jedoch wirkt das alles irgendwie surreal, als ob mensch sich in einer Filmkulisse befinden würde. Als ob die Menschen sich etwas vormachen würden um reinzupassen. Dieser Eindruck verstärkt sich, als wir am Stand eines “feministischen Startups” vorbeigehen. Die Frauen* tragen Shirts mit Aufdrucken wie “Satoshi is female” oder “Tampons are real” und stehen vor einem “Menstruationszelt”, dessen Eingang die Form einer Vagina hat. Ein Blick auf die Informationsschilder geben Auskunft über die großen Errungenschaften des Feminismus in der Popkultur. Schnell wird klar, hier geht es nicht um emanzipatorische Selbstermächtigung oder das Überwinden patriarchaler Verhältnisse, sondern um die Eingliederung feministischer Minderheiten in das kapitalistische Verwertungssystem. Um es in den Worten der Antifa AK Köln zu sagen:
“Das Ergebnis ist ein Feminismus, der die Lohnarbeit als ultimative Befreiung propagiert, ‘empowerment’ wird zum Sinnbild für die institutionalisierte Ermächtigung zur doppelten Selbstausbeutung.”[2]
Eben diese Selbstverwertung zieht sich durch die gesamte Veranstaltung.
Das beste Beispiel dafür ist vermutlich der nächste Stand des Unternehmens “WeWork”. Dieses vermietet Arbeitsumgebungen für andere Unternehmen, speziell zugeschnitten auf Startups. So kann mensch sogar für kleinere Teams einzelne Tische in geteilten Büroräumen mieten. Hier zeigt sich am stärksten der Versuch, den Menschen im Gesamten zu verwerten; so propagiert das Unternehmen, sie “[...] transformieren Gebäude in dynamische Umfelder für Kreativität und Verknüpfung” und schaffen so “[...] mehr als nur einen Ort zum arbeiten, [der Ort] ist die Bewegung des vermenschlichten Arbeiten.”[3]
Jedoch wird hier nicht versucht die Arbeit zu vermenschlichen, sondern den Mensch zu verarbeiten. T-Shirts mit dem Slogan “Do what you love” und Werbung mit Komfort wie exotischem Kaffee, Craftbeer und Kaltgetränken bilden nur die Spitze des Eisbergs der versuchten Eingliederung der Lohnarbeit in den “Lifestyle” des Individuums. Das Unternehmen selbst bringt es auf den Punkt:
“Bei den Themen Rekrutierung, Mitarbeiterbindung, Innovation und Produktivität wird von Unternehmen heutzutage einfach mehr verlangt: Nicht nur die morgendliche Tasse Kaffee, sondern Yogastunden, die dich das volle Potenzial deiner Kreativität ausschöpfen lassen.”[4] oder: Unterwerfe dich der totalen Selbstverwertung die in alle Aspekte deines Lebens eingreift, um noch produktiver Gewinne für deine Firma erwirtschaften zu können. Nochmal; hier wird nicht versucht dem*der Arbeitnehmer*in einen Gefallen zu tun, sondern durch Verwischen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit das letztere im ersteren einzugliedern.
So wird also jeder Aspekt des täglichen Lebens durchökonomisiert, seien es soziale Kämpfe im neoliberalen Feminismus, oder wie die Arbeit als neues Zuhause inszeniert wird. Selbst die Freizeit wird zunehmend durch Startups wie Airbnb oder Foodora dem Spätkapitalismus unterworfen. Es reicht nicht mehr einfach nur noch Urlaub am Strand zu machen, auch in dieser zur Entspannung gedachten Zeit muss die leerstehende Wohnung verwertet und Profit gemacht werden.
Dieses Muster zieht sich auch durch die restlichen Stände. Der Google Campus in Kreuzberg ist natürlich mit dabei, welcher möglichst viel der Kreuzberger “Kreativität” abschöpfen will[5]. Auch degewo ist vor Ort, die uns mit ihrem zweijährigen “Smart up the City” Wettbewerb zeigen wollen, wie schnell mensch eigentlich gentrifizieren kann.
Der einzige Lichtblick ist die Kunstausstellung einer Hochschule: Langsam wird es Abend, man hört die Künstler*innen immer wieder über die mittlerweile angetrunkenen und teilweise ziemlich aggressiven Yuppies und den allgegenwärtigen Kommerz lästern. Diese Student*innen haben wohl auch die “Gib dir die Kugel, Google” Sticker auf den Kreuzberg Campus Ständen verteilt.
Aufhören tut das Festival wie es angefangen hat: In einer Farce. Das Clubevent “TOAxNight” beginnt, Technomusik dröhnt durch die Boxen und Menschen tanzen. Das ganze wirkt so vertraut, wie mensch es eben aus den Berliner Clubs kennt, und doch komplett falsch und aufgesetzt. Als ob mensch sich auch noch dieses letzte Lebensgefühl einverleiben müsste.

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[1] https://toa.berlin/about/
[2] https://antifa-ak.org/young-urban-successful/
[3][4] https://www.wework.com/de-DE/
[5] Mehr zum Google Campus: https://top-berlin.net/de/texte/beitraege/do-the-red-thing

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